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Europäischer Konzern

Nicole Munk ist Geschäftsführerin der SYNERGIE Personal Deutschland GmbH. 2011 verkaufte sie das 1977 gegründete damalige Familienunternehmen GMW Personaldienstleistungen GmbH aus Karlsruhe an den französischen Konzern Synergie und leitet es seither als Unternehmen der SYNERGIE-Gruppe – zwischenzeitlich auch unter diesem Namen. Synergie international vereinigt unter seinem Dach insgesamt 17 nationale Personaldienstleister aus Europa, Australien und China. Zweimal im Jahr kommen die Vertreter dieser Unternehmen zu einem Austausch zusammen. Jetzt hat dieses Treffen zum ersten Mal am Sitz der Synergie Personal Deutschland GmbH in Karlsruhe stattgefunden. Mit Nicole Munk sprach der Leiter des iGZ-Fachbereichs Kommunikation, Marcel Speker, über diesen Austausch und die Veränderungen und Herausforderungen, die sich durch den Wechsel aus dem mittelständischen, badischen Familienunternehmen in eine europäische Konzernstruktur ergeben haben.

Speker: Wenn bei Synergie ein internationales Meeting ansteht, dann kommen Unternehmensvertreter aus 17 Nationen zusammen. Welche Themen stehen bei diesen Beratungen im Vordergrund?

Munk: Die Treffen finden regelmäßig zweimal im Jahr an wechselnden Orten statt, um sich über den aktuellen Stand in der Gruppe, Strategien in der Rekrutierung, große überregionale Kundenunternehmen, aber auch Umsatzziele und sonstige Entwicklungen auszutauschen. Einen großen Raum nehmen dabei auch immer die Best-Practice-Beispiele aus den einzelnen Ländern und eben der persönliche Austausch miteinander ein. Die Meetings sind aber auch ein bisschen wie ein Familientreffen. Die meisten Kollegen sind über viele Jahre konstant in der Geschäftsführung des jeweiligen Landes. Deshalb freue ich mich immer sehr, alle persönlich zu treffen, auch wenn es jedes Mal sehr intensive und arbeitsreiche Tage sind.

Speker: Die Arbeit in einem internationalen Konzern unterscheidet sich, sollte man meinen, von der des mittelständischen, badischen Familienunternehmens vermutlich schon spürbar. Welche Unterschiede haben Sie als besonders prägend wahrgenommen?

Munk: Die Horizonterweiterung ist ungemein wertvoll. Mit meinen internationalen Kollegen weiß ich einen Erfahrungsschatz hinter mir, der uns auch klug unternehmerische Entscheidungen für die Zukunft treffen lässt. Die Erkenntnisse daraus sind mitunter aber auch ziemlich ernüchternd: Deutschland ist in vielen Punkten rückständig. Das gilt mit Blick auf Abläufe und Technologien.

Speker: Nennen Sie uns ein Beispiel?

Munk: Nehmen wir die Diversifizierung der Dienstleistungen. In Frankreich und vielen anderen Ländern habe ich früh wahrgenommen, dass Zeitarbeit nur noch ein Produkt von mehreren im Portfolio moderner Personaldienstleister war. Zu diesem Zeitpunkt waren die allermeisten Zeitarbeitsunternehmen in Deutschland noch auf die reine Arbeitnehmerüberlassung fixiert. Wir auch. Aber wir haben es dann geändert. Und heute bin ich froh, dass wir unser Geld auch mit Personalberatung, Personalvermittlung oder Payrolling verdienen und diese Bereiche rückläufige Entwicklungen bei der reinen Zeitarbeit kompensieren helfen.

Speker: Ist „Abgucken“ im Synergie-Universum mithin geduldet, erlaubt oder ausdrücklich erwünscht?

Munk: Ausdrücklich erwünscht! Denn wir vergrößern auf diese Weise die Basis unserer möglichen Erfahrungen extrem wirkungsvoll. Vor etwa einem Jahr kam zum Beispiel unsere Marketingleiterin von der Rekrutierungsmesse „TalentPro" in München zurück und berichtete von "Robot Vera", die komplett autonom, eben als Roboter, telefonische Kurzinterviews mit Bewerbern durchführt. Für uns definitiv ein interessantes Zukunftsszenario, aber bei weitem noch keine Realität. Bei unserem internationalen Meeting berichtete jetzt mein belgischer Kollege von deren KI gestütztem Callcenter: ein Roboter gleicht automatisiert die Lebensläufe vorhandener Kandidaten mit den bestehenden Stellen ab. Bei einer hohen Übereinstimmung ruft er selbstständig die infrage kommenden Kandidaten an. Sofern diese telefonisch erreichbar sind, werden sie für ein Kurzinterview an einen Personalberater durchgestellt. Andernfalls informiert der Roboter per Nachricht auf dem Anrufbeantworter grob über die passende Stelle und bittet um entsprechenden Rückruf. Eine aus meiner Sicht beeindruckende zukunftsträchtige Lösung, da sie effizienter gestaltbare Prozesse automatisiert, aber trotzdem den Mensch im Mittelpunkt lässt, wie es im Personalbereich wesentlich ist.

Speker: Wie stellt sich das im Tagesgeschäft dar? Stimmen Sie sich dort auch intensiv mit den anderen Ländern oder zumindest der Zentrale in Frankreich ab oder gibt es auch noch eine gewisse Eigenständigkeit im Arbeiten?

Munk: Synergie legt schon sehr großen Wert darauf, dass jedes Unternehmen eigenständig agieren kann. Die Mentalitäten vor Ort müssen ihre Selbstständigkeit behalten. Hinzu kommt, dass es auch immer wieder Unterschiede in den Rahmenbedingungen gibt. Natürlich gibt es in der Konzernstruktur und erst recht in einer Aktiengesellschaft erweiterte Reporting-Pflichten, die es vorher nicht gab. Wir haben aber sichergestellt, dass diese nicht die Niederlassung oder den operativen Bereich belasten. Diese Anforderungen erfüllen wir zentral aus Karlsruhe.

Speker: Sie haben es gerade schon angesprochen: Unterschiede gibt es auch in den politischen Rahmenbedingungen. Wie haben Ihre Kollegen denn auf die AÜG-Reformen bei uns reagiert?

Munk: Nun, das Mitleid hielt sich schon ein wenig in Grenzen, denn sowohl Equal Pay als auch Höchstüberlassungsdauer sind jetzt nichts, was man andernorts nicht kennt. Und es ist natürlich schon etwas beruhigend, wenn man erfährt, dass andere Länder die Einführung dieser Restriktionen auch positiv gemeistert haben.

Speker: Also stellen wir uns hier in Deutschland besonders mimosenhaft an?

Munk: Nein, das sicher nicht. Die gleichzeitige Einführung von Equal Pay und der Höchstüberlassungsdauer, noch dazu in einer Phase der konjunkturellen Abkühlung, ist schon beispiellos. Auch zeigt sich in Gesprächen, dass bei uns in Deutschland die Umsetzung besonders bürokratisch und damit mit hohem internen Aufwand für uns erfolgt ist. Aber wenn man insgesamt erlebt, dass andere Länder im Prinzip ähnliche Herausforderungen auch überwunden haben, lässt das einen schon etwas relaxter damit umgehen.

Speker: Gibt es denn auch Länder, auf deren Rahmenbedingungen Sie mit einer gewissen Sehnsucht schauen?

Munk: Nun, in Italien sind die Markteintrittsbarrieren deutlich höher als bei uns. Es ist ja nicht so, dass ich Konkurrenz fürchte. Aber manchmal wäre es nicht verkehrt, wenn nicht jeder einfach so ein Zeitarbeitsschild an seine Tür hängen könnte. Ehrlich gesagt würde ich mir schon wünschen, wenn die Bundesagentur für Arbeit ihre Erstgenehmigungen gewissenhafter prüfen würde. Dann müsste man im Umkehrschluss auch nicht im laufenden Betrieb so häufig nachschauen. Ich glaube schon, dass das einen Qualitätsgewinn für die Branche insgesamt bedeuten würde. Erstaunlich ist es auch für mich, dass bei für die Mitarbeiter gleich guten – oder in manchen Ländern sogar schlechteren – Rahmenbedingungen Zeitarbeit in den allermeisten Ländern einen deutlich besseren Ruf genießt.

Speker: Wenn Sie eine Bilanz ziehen müssten – sehen Sie die europäische Einigung mit Blick auf unsere Branche aber auch allgemein eher positiv oder skeptisch.

Munk: Absolut positiv! Durch die Freizügigkeit gewinnt auch die Internationalität an Selbstverständlichkeit. Davon profitiert in Deutschland insbesondere auch die Zeitarbeit. Wir haben gerade auch mit Blick auf die Geflüchteten die meisten Menschen in Arbeit integriert. Umso unverständlicher ist dann, dass die Zeitarbeit beim neuen Fachkräfte-Einwanderungsgesetz ausdrücklich nicht berücksichtigt werden soll. Da hoffe ich tatsächlich, dass die Politik sich noch eines Besseren besinnt. Letztlich gibt es für mich keine Alternative zur europäischen Einigung. Das hat mindestens zwei Dimensionen, nämlich die wirtschaftliche und die politische. Wir werden in der Weltwirtschaft nur dann eine noch ernst zu nehmende Rolle spielen, wenn wir unsere Kräfte bündeln. Und politisch – oder gesellschaftspolitisch – ist die EU das erfolgreichste Friedensprojekt, das die Geschichte je gesehen hat. Vor der EU hat es hier nie eine längere Friedensphase gegeben. Das alleine ist Grund genug, am 26. Mai zur Europawahl zu gehen und einer europafreundlichen Partei die Stimme zu geben.

Von Marcel Speker, iGZ-Fachbereichsleiter Kommunikation

Über den Autor:

Marcel Speker ist studierter Politikwissenschaftler und ausgebildeter Redakteur. Er verfügt über Erfahrungen als Journalist und Autor. Als Pressesprecher war er im politischen und arbeitgeberverbandlichen Umfeld, u.a. beim Spitzenverband der rheinland-pfälzischen Wirtschaft (LVU) und dem Verband der Pfälzischen Metallund Elektroindustrie tätig. Seit 2012 leitet er die Kommunikationsabteilung beim iGZ und ist dort zuständig für die Referate Presse, Veranstaltungen und Verbandsmarketing. Ebenfalls seit 2012 vertritt er den iGZ im Beirat des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW Köln). Seit 2013 ist er Lehrbeauftragter an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster und lehrt dort aktuell zur „Flexibilisierung des deutschen Arbeitsmarkts“. Beim iGZ übernahm er 2016 zusätzlich die Zuständigkeit für das neugegründete Referat Arbeitsmarktpolitik.