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Der Social-Media-Wahlkampf: Wer mit Likes überzeugt

Würden die Wahlen bei Twitter entschieden, gäbe es bereits einen Gewinner: Christian Lindner. Der FDP-Chef liegt auf der Plattform weit vor seinen politischen Konkurrenten. Während Online-Wahlkämpfe in den USA schon längst Teil der Kampagne sind, spielten die sozialen Medien noch bei der letzten Bundestagswahl nur eine vergleichsweise kleine Rolle. Damals hatten nur circa die Hälfte der Bundestagskandidierenden überhaupt ein öffentliches Facebook-Profil und nur ein Drittel war auf Twitter. Aber im Wahlkampf 2021 ist nicht nur die Mehrheit der Politik inzwischen auf Social Media, sondern auch mehr Menschen in Deutschland allgemein. Die Pandemie verleiht den Online-Debatten noch mehr Wirkungskraft. Grund genug, diese auch zu messen: Der „Tagesspiegel“ hat gemeinsam mit der Nichtregierungsorganisation „Democracy Reporting International“ eine Echtzeit-Analyse des Social-Media-Wahlkampfs zur Bundestagswahl 2021 online gestellt. Mithilfe automatischer Datenabfragen und Analysen wird beobachtet, wie die Parteien dieses Jahr ihren Wahlkampf auf Social Media führen, welche Plattformen sie bedienen, wie viel Resonanz und welche Reaktionen sie damit hervorrufen, welche Kampagnen sie fahren (Das Social Media Dashboard zur Bundestagswahl 2021 | Tagesspiegel).

Im Stundentakt

Lindners knapp 480.000 Follower werden im Stundentakt über seine Meinungen informiert. Sei es, dass bei der Rede von Grünenkanzlerkandidatin Annalena Baerbock Olaf Scholz gerade eine körperliche Pause macht oder dass Lindner an den russischen Oppositionsführer Nawalny erinnert, der genau an dem Tag bereits seit 232 Tagen in Haft sei. Nur die Grünen können einigermaßen mithalten. Spitzenfrau Baerbock wird von über 350.000 Interessierten „verfolgt“: Die Kanzlerkandidaten von Union und SPD kommen gerade mal auf die Hälfte der Follower. Von den anderen Oppositionskandidaten hält Alice Weidel mit. 125.000 Menschen interessiert, was die AfD-Frau zusagen hat. 

Keine messbaren Ergebnisse

Während die Politiker über Twitter das Volk am Wahlkampf teilhaben lassen, spielen die anderen Kanäle eine untergeordnete Rolle. YouTube, für die Promis außerhalb der Politik unverzichtbar, zeigt für Olaf Scholz keine messbaren Ergebnisse an und auch die anderen Parteien spielen dort nur eine Nebenrolle. Doch welchen Einfluss haben die Beiträge im WorldWideWeb auf das Wahlergebnis? Bringen Likes tatsächlich Stimmen? Das sei unmöglich festzustellen, betont Jasmin Siri in einem Interview der „Süddeutschen Zeitung“. Sie ist Professorin für Politische Soziologie an der Universität Erfurt und beschäftigt sich wissenschaftlich mit dem Thema Digitalisierung in der Politik. Warum ein Beitrag eine hohe Reichweite erzielt, könne niemand sagen: „Der Algorithmus der Anbieter, der entscheidet, wie vielen Menschen ein Post gezeigt wird, ist ein großes Geheimnis. Die Reichweite ist abhängig von sehr vielen Faktoren." Die sozialen Medien als Wahlkampfinstrument spielen für die Forschung erst seit der Bundestagswahl 2017 eine bedeutende Rolle, wie die Expertin erklärt. Während der Coronapandemie habe es in Deutschland zwar einen Digitalisierungsschub gegeben. Aber: "Wir stehen hier immer noch am Anfang", sagt Siri über die Rolle der Sozialen Medien bei der diesjährigen Wahl.

Stiefmütterlich

Das Thema wird denn auch teilweise noch stiefmütterlich behandelt. Facebook und Instagram gehören zwar bei den meisten Parteien zum Standard, doch auf Trends aufzuspringen fällt sichtlich schwer. Es fehle in vielen Fällen an Know-how, stellt Jasmin Siri fest. Der Wahlkampf ist zudem größtenteils ehrenamtlich organisiert. Der zeitliche Aufwand, um die Kanäle regelmäßig mit Inhalt zu speisen, ist groß. Doch bedienen sich die Parteien auch bei Profis. Die Union hat sich mit Tanit Koch die ehemalige „Bild“-Chefredakteurin ins Haus geholt, um Schlagzeilen zu produzieren.

Beliebte Emojis

Die Reaktion auf die Tweets der Kanzlerkandidaten sind eindeutig. Das Gesicht mit den Freudentränen ist nicht nur das beliebteste Emoji überhaupt, auch Wähler zeigen hier ihre Begeisterung. Zumindest hier liegt Laschet vorn, muss sich allerdings auch die rausgestreckte Zunge gefallen lassen. Weit vorn bei der Anzahl der Posts liegt Annalena Baerbock. Gut in Szene gesetzte Fotos bekommen um die 30.000 Likes. Die Höchstwerte von Scholz und Laschet liegen dagegen bei 4.000 deutlich zurück. Die größte Resonanz im Netz hat auch eine Frau, die allerdings nicht für das Kanzleramt kandidiert: Alice Weidel. Vorteil oder Nachteil - dies werden die Ergebnisse in der Wahlnacht am 26. September zeigen.

Über die Autorin

Andrea Resigkeit ist iGZ-Fachbereichsleiterin Politische Grundsatzfragen. Seit dem 1. Juli 2009 leitet Andrea Resigkeit das iGZ-Hauptstadtbüros in Berlin. Sie ist Journalistin und hat für zahlreiche Tageszeitungen und das Fernsehen gearbeitet. Zuvor war sie stellvertretende Hauptgeschäftsführerin der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA).