iGZ-Landeskongress NRW: Prof. Dr. Jürgen Rüttgers zur Digitalisierung der Wirtschaft

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"Zeit des Fließbandes ist vorbei"

„Wir brauchen uns keine Vorwürfe machen, dass bei uns alles schlecht ist. In Ihrem Verband gilt es jetzt, gemeinsam über die Gestaltung der Zukunft nachzudenken, denn in einer neuen Welt wird die Zeitarbeit, da bin ich ganz sicher, ihren festen Platz haben“, unterstrich Prof. Dr. Jürgen Rüttgers, Ministerpräsident a.D., Bundesminister a.D., Lehrbeauftragter am Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie, in seinem Vortrag beim iGZ-Landeskongress NRW in Dortmund.

Tatsächlich rund wie die Zeitarbeit: iGZ-Hauptgeschäftsführer Werner Stolz (r.) dankte Prof. Dr. Jürgen Rüttgers, Ministerpräsident a.D., Bundesminister a.D., Lehrbeauftragter am Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie, mit einem Globus für seinen Gastvortrag beim iGZ-Landeskongress NRW in Dortmund.

„Digitalisierung – Chance oder Risiko für den Standort NRW?“, lautete das Thema, über das Rüttgers vor den rund 300 Teilnehmern referierte.

Menschen motivieren

„Meistens dauert es in Deutschland ein wenig länger, bis wir mal in die Puschen kommen“, stellte der Ministerpräsident zunächst fest. Wenn´s der Wirtschaft gut gehe, sei es halt schwierig Menschen zu motivieren, über die Zukunft nachzudenken. Der größte Fehler, den die Politik dabei machen könne, sei es die Technologie vorzugeben. „Das“, so Rüttgers, „muss man sich erarbeiten.“ Es sei beispielsweise fraglich, ob Glasfaser überhaupt die Technik der Zukunft sei. Hochspannend sei dabei auch für die Zeitarbeitsbranche die Frage, welche Veränderungen man fürs eigene Geschäft in Betracht ziehen müsse - und welche nicht.

Industrielle Abschmelzung

Auch wirtschaftliche Veränderungen gelte es im Blick zu behalten: Von der Entwicklung her seien einerseits eine industrielle Abschmelzung sowie andererseits ein wachsender Dienstleistungssektor feststellbar. „23 Prozent des Bruttoinlandsprodukts sollten aber industriell basiert sein, damit die Wirtschaft funktionabel bleibt“, erklärte Rüttgers. Zudem sei seit Jahren eine Explosion des Wissens festzustellen. Das Wissen, das von Wissenschaftlern produziert werde, verdoppele sich alle fünf Jahre – und die Entwicklung laufe immer schneller. Laut einer Studie werden, so Rüttgers, durch die Digitalisierung fünf Prozent aller Arbeitsplätze überflüssig – ob das wirklich komme, wisse allerdings kein Mensch. „Eine Kommission hat festgestellt, dass keine dieser so gearteten Vorhersagen auch eingetreten ist“, erteilte er Spekulationen eine Absage.

Moderne Medienträger

„Moderne Medienträger wie Smartphones haben ein Problem der Entgrenzung geschaffen: Jeder kann sich jederzeit überall informieren. Dadurch entgrenzen sich beispielsweise auch Krieg und Terror“, fasste der Referent weitere aktuelle Trends zusammen. Das Volk könne sich längst per Smartphone ganz schnell organisieren, seinen Willen demonstrieren und auch durchsetzen.

Zustimmung zur Information

Nicht nur die Information sei wichtig, sondern genauso wichtig sei die Zustimmung der Menschen zur Information. Rüttgers: „Nichts bleibt mehr geheim. Alles wird, wenn´s darauf ankommt, öffentlich verhandelt.“ Zu viele Räume organisierter Unverantwortlichkeit in Europa bergen laut Referent auch Risiken: „Zu viele reden bei allen Themen mit.“

Debattenkultur

Das sich Einbringen und Risiken Eingehen sei nicht immer sehr beliebt. Stattdessen werde die Debatte gepflegt, in der man sagt, was andere zu tun haben. Und wer handele, hafte auch – diese unmittelbare Verbindung löse sich nun auf. Kausalität werde zudem durch Korrelation ersetzt. Es finde eine ungeheuer große Sammlung von Daten statt. Stichwort „Big Data“: Der Computer übernehme, so Rüttgers, zum Beispiel anhand einer Vielzahl gesammelter Daten die Diagnose von Patienten und empfehle die Behandlungsform. „Das ist eine totale Revolution im Bereich Gesundheitsvor- und -nachsorge“, attestierte der ehemalige Ministerpräsident.

Konsument wichtiger

Mit Blick auf die wirtschaftliche Entwicklung prognostizierte er, künftig werde der Konsument in der Wirtschaft wichtiger als der Produzent. Er definiere seine Wünsche und bekomme sie vom Produzenten erfüllt. „Die Zeit des Fließbandes ist vorbei“, betonte Rüttgers in diesem Zusammenhang.

"Zeitarbeit eine runde Sache"

iGZ-Hauptgeschäftsführer Werner Stolz dankte dem Referenten und verglich die Jamaika- mit den Tarifverhandlungen des iGZ. Stolz: „Bei uns käme niemand auf die Idee auszusteigen. Am Ende müssen Ergebnisse stehen.“ Er betonte, die Probleme auf der Welt seien global: „Deswegen haben wir Ihnen einen altehrwürdigen Globus als Dankeschön ausgesucht. Die Erde ist wirklich rund, und mit Globus auf dem Schreibtisch werden sie immer an uns denken, denn auch Zeitarbeit ist eine runde Sache“, schloss Stolz. (WLI)