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Zeitarbeit: Talfahrt "jetzt gebremst"

24.08.2009

Randstad Schweiz-Chefin Simone Nijsen im Interview

"Jetzt ist die Talfahrt gebremst", sagt Simone Nijsen, Chefin der Randstad (Schweiz) AG. Ihre Aussage hat Gewicht, denn die Temporärbranche gilt als Frühindikator für die konjunkturelle Entwicklung.

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"Jetzt ist die Talfahrt gebremst", sagt Simone Nijsen, Chefin der Randstad (Schweiz) AG.

Simone Nijsen: "Wir sind bereit für den Aufschwung." Zudem gehört die 47-jährige gebürtige Holländerin zu den wenigen Managern, die öffentlich sagen, ihre Aufgabe wären auch in einem 80-Prozent-Pensum zu bewältigen.

Frau Nijsen, viele Unternehmen erleiden Umsatzeinbrüche und schreiben Verluste. Wie hart trifft die Krise die Temporärbranche?

SIMONE NIJSEN: Wir befinden uns in einer aussergewöhnlichen Situation. Die Zahlen unseres Dachverbands Swissstaffing zeigen, dass die totale Lohnsumme der Temporärbranche um 25 Prozent zurückgegangen ist im Vergleich zum Vorjahr.

Gibt es Branchen, in denen die Nachfrage weiterhin hoch ist?

In der Baubranche, die für uns sehr wichtig ist, läuft es nach wie vor relativ gut. Die Maschinenindustrie und alle Branchen, die stark exportorientiert sind, leiden hingegen stark. Und wenn ein Unternehmen wie Rieter, das von der Textil- und Autobranche abhängig ist, in die roten Zahlen rutscht, trifft das auch uns. Im Uhrensektor hat der Trend sehr rasch gekehrt: Letztes Jahr wurde noch fiebrig nach Uhrmachern und anderem Personal gesucht, jetzt trennen sich die Unternehmen nicht nur von Temporären, sondern auch von Festangestellten.

Die Temporärbranche gilt als Frühindikator für die konjunkturelle Entwicklung. War das auch diesmal so?

Diesmal ging alles sehr rasch. Bis im November letzten Jahres lief es noch hervorragend, schon im Dezember ging es massiv bergab. Wir sind ein Frühindikator, weil die Firmen sich im Ernstfall zuerst von den Temporären trennen. Dann verfügen sie oft Kurzarbeit, erst danach werden Entlassungen ausgesprochen. Wenn sich die Situation stabilisiert und die Konsumenten wieder Vertrauen fassen in die Märkte, sind wir die Ersten, die profitieren. Ich glaube, jetzt ist die Talfahrt gebremst. Vermutlich wird sich die Situation auf tiefem Niveau stabilisieren. Einen Aufschwung erwarte ich nicht vor der zweiten Hälfte des nächsten Jahres.

Immerhin klingen Sie weniger düster als Wirtschaftsministerin Doris Leuthard, die sagt, in Sachen Beschäftigung stehe das Schlimmste noch bevor.

Das ist gut möglich. Wenn das Vertrauen in die Wirtschaft nicht rasch zurückkommt, wird es noch zu vielen Entlassungen kommen. Die Temporärstellen haben die meisten Firmen schon auf ein Minimum reduziert, Kurzarbeit ist zeitlich befristet. Müssen weiter Kosten reduziert werden, sind Entlassungen unumgänglich.

Gilt das auch für Randstad?

Wir hatten insofern Glück, als wir im Herbst 2008 mit Vedior fusionierten. Das hat uns einerseits geholfen, unsere Marktposition auszubauen. Andererseits ist die Fluktuation in solchen Phasen immer überdurchschnittlich. So konnten wir die Kosten deutlich reduzieren, indem wir die freiwilligen Abgänge nicht ersetzten. Ende März und Ende Mai mussten wir einige wenige Kündigungen aussprechen. Dieser Prozess ist nun abgeschlossen, die Kostenstruktur passt. Wir sind bereit für den Aufschwung (lacht).

Ist Temporärarbeit eigentlich immer eine Wahl mangels Alternativen oder gibt es auch Arbeitnehmende, die diese Arbeitsform einer Festanstellung vorziehen?

Es gibt beides. Für jüngere Stellensuchende ist Temporärarbeit oft ein guter Einstieg ins Berufsleben - sie sammeln vielfältige Erfahrungen und finden via Temporärarbeit oft leichter eine Festanstellung. Insgesamt hat sich das Image der Temporärarbeit in den letzten Jahren deutlich verbessert. Die Unternehmen müssen flexibel sein, Temporärarbeit ist vielerorts Teil der Firmenstrategie geworden. Zudem wissen die Unternehmen, dass viele Temporäre über mindestens so gute Qualifikationen verfügen wie die Festangestellten. Wer sich immer wieder neu beweisen muss, kann es sich nicht leisten, sich zurückzulehnen. Auch die Löhne haben sich angenähert. Wir sind optimistisch, dass bald ein Gesamtarbeitsvertrag für die ganze Temporärbranche in Kraft treten wird.

Sie machen auch Feststellenvermittlung. Wie wichtig ist dieses Geschäft für Randstad?

Derzeit ist es noch ein kleiner Umsatzzweig, aber wir wollen hier wachsen. Das Ziel lautet, 20 bis 25 Prozent der Bruttomarge in der Vermittlung von Festangestellten zu verdienen. Ist die Suche nach Spezialisten durch die Krise einfacher geworden? Ja, man findet heute auch in Engpass-Berufen wieder die gewünschten Profile. Aber das wird sich rasch wieder ändern, wenn der nächste Aufschwung kommt. Angesichts der demografischen Entwicklung kommen da grosse Herausforderungen auf die Firmen und die Personalvermittler zu. Mehr und mehr weiten wir die Suche auch auf das Ausland aus. Den nationalen Arbeitsmarkt gibt es nicht mehr, im Bereich der mittel und hoch qualifizierten Berufsleute bewegen wir uns längst in einem globalen Arbeitsmarkt. Einzelne Branchen wie Pharma oder Biotech zeichnen sich schon jetzt durch grosse Internationalität aus.

Dennoch wird es vermehrt Engpässe geben, denn auch im Ausland gehen in den nächsten Jahrzehnten mehr Berufsleute in Rente als junge Arbeitnehmer nachstossen. Ist das eine Chance für gut qualifizierte Frauen, die auf der Suche sind nach anspruchsvoller Teilzeitarbeit?

Ja. Das Angebot an Teilzeitarbeit ist in der Schweiz noch ziemlich beschränkt. Wir wollen dazu beitragen, dass sich daran bald etwas ändert. Es gibt viele Möglichkeiten für Teilzeitarbeit und Job-Sharing.

Auch auf Management-Ebene? Würden Sie Ihre Chefstelle mit einer Kollegin teilen oder die Aufgabe auch mit einem Teilzeitpensum wahrnehmen?

Die Stelle zu teilen, wäre schwierig, aber ich kann mir vorstellen, dass ich meine Funktion auch mit einem 80-Prozent-Pensum ausüben könnte, wenn das Management-Team mich unterstützen würde. Vieles ist eine Frage der Organisation und der Fähigkeit zum Delegieren. Ich finde nicht, dass ich die einzig wichtige Person bin in dieser Firma, es muss nicht alles von mir abhängen. Eine sympathische Einstellung - aber meist schafft man es damit nicht bis ganz nach oben. (Bernerzeitung.ch/Newsnetz)