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"Unsere Gesellschaft braucht die Zeitarbeit"

14.12.2009

BA-Chef Frank-Jürgen Weise im Interview mit dem Spiegel

Die Aussichten sind beängstigend: In der Hightech-, Maschinenbau- und Autoindustrie droht 2010 ein massiver Jobabbau, warnt Frank-Jürgen Weise. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt der Bundesagentur-Chef, wieso der Arbeitsmarkt ungerechter wird - und es Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen besonders treffen wird.(...)

Zeitarbeit in Deutschland | Unternehmen für Zeitarbeit
BA-Chef Frank-Jürgen Weise. Foto: dpa

SPIEGEL ONLINE: Vor einem halben Jahr verkündeten Ökonomen beinahe Weltuntergangsszenarien - jetzt reden sie den Aufschwung herbei. Verlassen Sie sich in Ihrer Planung noch auf solche Prognosen?

Weise: Ich bin vorsichtig geworden. Trotzdem müssen wir versuchen, die Hochrisikobranchen und -regionen der kommenden Jahre jetzt klar zu benennen und Vorsorge zu treffen.

SPIEGEL ONLINE: Wie schlimm wird das kommende Jahr?

Weise: Ich erwarte mehr Arbeitslose, im Schnitt 4,1 bis 4,2 Millionen. Das ist besser als lange gedacht - aber einige Branchen wird es hart treffen. Im Handwerk und in der Bauwirtschaft sieht es recht gut aus, beim Export dagegen schlimm. Und damit ausgerechnet bei unseren Hightech-Firmen, im Maschinenbau oder in der Autoindustrie. Dort sind derzeit Hunderttausende Mitarbeiter auf Kurzarbeit gesetzt, das wird auf Dauer nicht durchzuhalten sein...

SPIEGEL ONLINE: ...schon weil Kurzarbeit ab 2010 nur 18 Monate dauern darf.

Weise: Auch deshalb. Aber auch, weil Kurzarbeit für Unternehmen teuer ist. Deshalb droht in manchen Bereichen massiver Jobabbau. Vor allem Baden-Württemberg, Bayern und Nordrhein-Westfalen wird es treffen. Wobei die Länder im Süden sicher besser damit klarkommen, weil ihre finanzielle Situation und die Bildungsinfrastruktur besser sind. In Nordrhein-Westfalen ist das anders.

SPIEGEL ONLINE: Einer Bertelsmann-Studie zufolge sind Geringverdiener, ältere und jugendliche Arbeitnehmer die großen Krisenverlierer. Müssen wir uns damit abfinden, dass der Arbeitsmarkt immer weniger gerecht wird?

Weise: Man kann auch das Positive sehen: Obwohl wir die schlimmste Rezession der Nachkriegszeit erleben, liegt die Arbeitslosigkeit 2009 im Schnitt bei 3,5 Millionen. Es ist noch gar nicht so lange her, da hatten wir mehr als fünf Millionen. Durch die Hartz-Reformen sind seitdem viele neue Jobs entstanden. Zugegeben, sehr viel im Teilzeit- und Niedriglohnbereich. Das führt dazu, dass Arbeit im Schnitt schlechter bezahlt wird als früher und unsicherer ist. Die Gesellschaft muss sich in Zukunft überlegen, ob sie das will. Aber in dieser Krise bewährt sich das System. Auch weil viele Firmen offensichtlich bemüht sind, ihr Fachpersonal zu halten.

SPIEGEL ONLINE: Andere nutzen brachial Gesetzeslücken aus. So manches Unternehmen feuert derzeit Mitarbeiter und stellt sie dann als billige Zeitarbeiter wieder ein. Finden Sie das nicht abstrus?

Weise: Das zeugt von mangelnder Verantwortung. Und ja, es gibt Schmuddler in der Zeitarbeitsbranche, die ihre Mitarbeiter an die Grenzen der Belastbarkeit treiben und darüber hinaus. Aber es gibt auch jene, die Tariflöhne zahlen, wenngleich niedrige. Die Zeitarbeit hat Tücken...

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Menschen finden denn über sie in einen festen Job?

Weise: Das wissen wir nicht genau. Der sogenannte Klebeeffekt lässt sich statistisch nicht erfassen. Und trotzdem glaube ich, dass unsere Gesellschaft die Zeitarbeit braucht. Ich halte es für besser, dass ein Mensch arbeitet und notfalls von uns zusätzlich vorübergehend noch einen Zuschuss bekommt, als dass er gar keinen Job hat.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt in der Krise werden Geringqualifizierte allerdings erst mal bevorzugt entlassen, oder?

Weise: Das stimmt unseren Zahlen zufolge nicht. Seit November 2008 haben wir 230.000 Arbeitslose mehr. 220.000 davon sind Männer, die meisten mittleren Alters und gut ausgebildet. Das heißt: Ihre Chancen sind gut, bald wieder Arbeit zu finden. Allerdings bekommen viele Langzeitarbeitslose dadurch plötzlich neue Konkurrenz. Insofern ist das ein weiterer herber Rückschlag für jene, die ohnehin schwach sind.

SPIEGEL ONLINE: Gerade jetzt, da Langzeitarbeitslose besondere Betreuung brauchen, droht Chaos in den Jobcentern, die von Kommunen und Arbeitsagenturen gemeinsam betrieben werden. Das Verfassungsgericht hat verlangt, dass die Center bis 2011 aufgelöst werden - doch die Politik streitet schon sehr lange über die Details. Bringt Sie das nicht zur Weißglut?

Weise: Sagen wir so: Ich bedauere das sehr. Das Urteil ist zwei Jahre alt. Trotzdem hat die Politik keine Lösung gefunden. Dabei sollte man nicht vergessen: Was immer am Ende beschlossen wird, der folgende Verwaltungsumbau wird dauern. Wir müssen Akten kopieren, Arbeitsabläufe neu gestalten, die Software umstellen. Und nicht zuletzt springen uns allmählich immer mehr gute Vermittler ab, weil sie die Unsicherheit über ihre eigene Zukunft nicht aushalten. Bis Ende dieses Jahres sollte endlich Klarheit herrschen (...). (Anne Seith, Spiegel Online, 14.12.09)