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Zeitarbeit in Krisenzeiten

16.06.2009

Frank-Jürgen Weise im Gespräch: Zahlen nicht so dramatisch zurückgegangen

Wichtig ist nach Ansicht von Frank-Jürgen Weise, dem Chef der Bundesagentur für Arbeit , dass Zeitarbeitnehmer tariflich abgesichert sind. Im Interview mit der Südwest Presse nimmt er zur aktuellen Arbeitsmarktlage Stellung.

Zeitarbeit in Deutschland | Unternehmen für Zeitarbeit
Die Krise wird noch lange andauern, das sagt Frank-Jürgen Weise, Chef der Bundesagentur für Arbeit. (Foto: Archiv)

Von Karen Emler, Günther Hörbst


Hätten Sie sich vor einem Jahr vorstellen können, dass wir nun, Mitte Juni 2009, in einer derart massiven Krise stecken?


FRANK-JÜRGEN WEISE: Nein, ganz im Gegenteil. Nach den vielen Anstrengungen, den Veränderungen und Reformen hätte ich gesagt, das Jahr 2009 wird das beste Jahr für die Bundesagentur für Arbeit (BA). Was dann kam, war so nicht absehbar.


1,1 Millionen Menschen sind nun in Kurzarbeit. Wächst die Zahl noch?


WEISE: Auffällig ist, dass im ersten Quartal 50 000 Firmen für 1,7 Millionen Beschäftigte vorsorglich Kurzarbeit angezeigt haben. Die Abrechnung zum Quartalsende ergab aber, dass letztlich nur 36 000 Firmen Kurzarbeit für 1,1 Millionen Beschäftigte auch eingeführt hatten. Das ist ein Hinweis, dass das Ausmaß der Kurzarbeit seinen Höhepunkt erreicht hat. Die gute Botschaft: Wir haben die Wirtschaftskrise aufgefangen mit Kurzarbeit. Die schwierige Frage ist: Trägt die Kurzarbeit auch noch über eine längere Dauer?


Heißt das, Sie gehen nicht von einem baldigen Ende der Krise aus?


WEISE: Darauf kann ich keine eindeutige Antwort geben. Es gibt Branchen, die der Konjunktureinbruch sehr schwer trifft. Dazu zählen Autobau, Autozulieferer, Maschinen- und Anlagenbau sowie Logistik. Es gibt aber auch Branchen wie Gesundheit, Bildung und auch Sozialarbeit, die noch Personal einstellen. In den Hochrisikobranchen gehe ich davon aus, dass der Tiefpunkt erreicht sein könnte. Doch was die Dauer der Krise angeht, bin ich pessimistischer. Ich glaube, dass diese Krise noch lange dauern wird.


Wie wird sich das auf die Arbeitslosenzahlen auswirken?


WEISE: Im Moment sieht es so aus, als ob die in Anspruch genommene Kurzarbeit mindestens bis zum Herbst 2009 den Anstieg der Arbeitslosigkeit eindämmen wird. Dann aber rechnen wir mit deutlich mehr Arbeitslosen. Nach jetzigem Stand sehe ich aber für dieses Jahr noch nicht die Zahl von vier Millionen. (...)


Kürzlich wurde die Kurzarbeitdauer von 18 auf 24 Monate verlängert.


WEISE: Die meisten Firmen haben Kurzarbeit für die Zeit von sechs bis acht Monaten angemeldet. Denn wenn nach diesem Zeitraum keine bessere Auftragslage eintritt, wird es schwer. Wir haben die Politik dennoch gebeten, den Rahmen auf 24 Monate zu verlängern, weil die Firmen Planungssicherheit haben wollten bei der Entscheidung, ob sie entlassen müssen oder es mit Kurzarbeit schaffen können. Die großen Unternehmen werden das durchhalten können, die kleineren aber eher nicht.


Angenommen kleinere Firmen bauen in der Krise Personal ab. Fehlen ihnen dann nicht die Fachkräfte, um am Aufschwung teilzunehmen?


WEISE: Genau das ist die Gefahr. Die Firmen wären daher gut beraten, alles zu tun, die Leute zu halten. Denn der Unternehmer wird im Zweifelsfall keine qualifizierten Leute bekommen und müsste das neue Personal genau dann einarbeiten, wenn der Aufschwung beginnt. Doch viele Unternehmer sind bereit, an ihre Belastungsgrenze zu gehen, um ihre Stammbelegschaft zu halten. Wenn das Eigenkapital aber aufgebraucht ist, ist Schluss.


Die Zeit der Kurzarbeit kann zur Weiterbildung genutzt werden, für diesen Fall entfallen für den Unternehmer die Sozialbeiträge für die Kurzarbeiter. Wie kommt das an?


WEISE: Noch haben wir keine statistischen Daten, aber die Erkenntnis, dass das Instrument nicht in großem Umfang in Anspruch genommen wird. Alle Instrumente brauchen eine gewisse Anlaufzeit, bis sie bei Unternehmen und Arbeitnehmern bekannt sind und auf Akzeptanz stoßen. Zudem passen die klassischen Module der Weiterbildungsträger, die meist in Blöcken von mehreren Wochen erfolgen, nicht zu den sehr kleinteiligen Zeitfenstern, die durch Kurzarbeit frei werden. Da läuft die Anpassung noch. (...)


Wer sind denn die größten Krisen-Verlierer auf dem Arbeitsmarkt?


WEISE: Es sind in erster Linie Männer und generell vor allem die jungen Menschen. Sie werden es schwer haben, von der Schule in eine Ausbildung und von der Ausbildung in den Beruf zu kommen. (...)


Und was ist mit den Zeitarbeitern?


WEISE: Die Haltung der Unternehmen, ihre Stammbelegschaft halten zu wollen, ist vernünftig. Im Gegenzug werden Arbeitszeitkonten abgebaut oder Zeitarbeiter nicht weiter beschäftigt. Wichtig ist aber, dass die Zeitarbeiter tariflich abgesichert werden. Sie haben jetzt sogar die Möglichkeit zur Kurzarbeit und Qualifizierung. Die Zahl der Zeitarbeiter ist in den vergangenen drei Monaten von 700.000 auf 500.000 Beschäftigte zurückgegangen, also nicht so dramatisch wie erwartet.


Ist der bisher moderate Stellenabbau ein Indiz dafür, dass die Unternehmer aus der letzten Krise in den 90er Jahren gelernt haben?


WEISE: Zumindest hat die Enttäuschung über manche Fehler in der Unternehmensführung von damals diejenigen bestätigt, die eine gute Einstellung sowohl zum Erfolg als auch zum Menschen haben. Neben der betriebswirtschaftlichen Sicht, dass es Sinn macht, die Stammbelegschaft zu halten, fühlen sich die Unternehmer heute mehr den Mitarbeitern und deren Familien verpflichtet. Das hören wir überall, bei großen und kleinen Firmen. Alle wollen Entlassungen vermeiden.


Wie verhalten sich diejenigen, die dennoch ihren Arbeitsplatz verlieren? Gibt es da auch einen Bewusstseinswandel?


WEISE: Das Bemühen der Arbeitslosen, einen neuen Arbeitsplatz zu finden, ist sehr groß. Sie sind sehr flexibel, was die Branche, den Lohn und die Mobilität angeht. Das führt dazu, dass wir mit unserem Arbeitsmarkt besser da stehen als früher und als es beispielsweise in den angelsächsischen Ländern der Fall ist.